Die DGfS trauert um Dieter Wunderlich (1937-2026)

Die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft trauert um ihren Gründungsvorsitzenden Dieter Wunderlich.

Die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft trauert um Dieter Wunderlich, der am 6. Juni 2026 kurz vor Vollendung seines 89. Lebensjahrs verstorben ist. Als Gründungsmitglied und Gründungsvorsitzender war Dieter Wunderlich der DGfS seit ihren Anfängen verbunden und prägte ihre Entwicklung insbesondere in den Anfangsjahren sehr stark mit, war aber auch in den Folgejahren ein engagiertes Mitglied. 2014 hat die DGfS Dieter Wunderlich in Anerkennung seines Wirkens für die DGfS und das Fach und seines vielseitigen und einflussreichen wissenschaftlichen Werkes den Wilhelm von Humboldt-Preis für sein Lebenswerk verliehen.

1937 in Rostock geboren begann Dieter Wunderlich 1955 das Studium der Physik mit Stationen in Jena, Leipzig und Hamburg; nach kurzer Tätigkeit als Kernphysiker entschloss sich Dieter Wunderlich 1965 zu einem beruflichen Neuanfang und nahm an der Technischen Universität Berlin das Studium der Kommunikations- und Literaturwissenschaft auf. Bereits 1969 legte Dieter Wunderlich seine Dissertation zu Tempus und Zeitreferenz im Deutschen an der TU Berlin vor. Bald danach trat er die Professur für Germanistische Linguistik an der benachbarten Freien Universität an; 1973 wechselte er schließlich auf die neu eingerichtete Professur für Allgemeine Sprachwissenschaft der Universität Düsseldorf, an der er bis zu seiner Emeritierung 2002 tätig war. In die Düsseldorfer Zeit fällt auch die Sprechertätigkeit für den Sonderforschungsbereich „Theorie des Lexikons“, in dem zentrale Arbeiten Wunderlichs zum Lexikon entstanden sind.

Zwei große Themenkomplexe kennzeichnen Dieter Wunderlichs umfangreiches Werk: die frühen Arbeiten zum Sprachgebrauch und die späteren Arbeiten im Bereich der Grammatik und des Lexikons. In der ersten Phase hat Dieter Wunderlich, u. a. beeinflusst durch die Arbeiten von Austin, Searle, Grice und Bar-Hillel, zahlreiche wichtige Arbeiten zur Sprechakthheorie (darunter seine einflussreichen Studien zur Sprechakthheorie), zur Kontextabhängigkeit der Bedeutung (z. B. sein Arbeitsbuch Semantik) und zu weiteren Phänomenen im Bereich Pragmatik und Diskurs verfasst.

Die zweite Phase ist gekennzeichnet durch die Arbeiten zu Sprache und Raum, insbesondere zur Semantik der Präpositionen, aber noch deutlicher durch die Arbeiten zur Flexions- und Derivationsmorphologie, zur Argumentstruktur und -realisierung und zu Diathesen. Als vehementer und streitbarer Verfechter einer lexikalischen Behandlung dieser Phänomene entwickelte Dieter Wunderlich im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen (zu nennen sind hier insbesondere Manfred Bierwisch und Paul Kiparsky) einen Komplex von ineinandergreifenden lexikalischen Subtheorien zur Flexionsmorphologie (die Minimalistische Morphologie), zur Kongruenz, zu lexikalischen Kategorien und zur Herleitung von Argumentstruktur und Argumentrealisierung aus dekomponierten lexikalischen Einträgen (die Lexikalische Dekompositionsgrammatik).

Ein spätes Steckenpferd von Dieter Wunderlich war schließlich die Beschäftigung mit der Evolution der Sprache und insbesondere der Rolle der Morphologie darin.

Dieter Wunderlich hatte ein ganzheitliches Wissenschaftsverständnis, was sich auch in „Transferleistungen“ wie der Herausgabe von linguistisch informierten Schulbüchern zum Thema Sprache und der 1988 eingestellten Zeitschrift Studium Linguistik dokumentiert.

Als konstruktiver Begleiter des Faches hat sich Dieter Wunderlich immer wieder deutlich und kritisch zum Zustand der Linguistik geäußert hat – zu lesen beispielsweise in seinem fiktiven Interview zur Emanzipation der Linguistik (in: Linguistische Berichte).

Wer Dieter Wunderlich persönlich gekannt hat, durfte einen enthusiastischen, authentischen, offenen, an der Person interessierten und humorvollen Menschen erleben, dem es, obwohl kritisch in der Sache und auch nicht immer diplomatisch in der Aussage, ein großes Anliegen war, Forschung zu ermöglichen und stärken. Insbesondere der von ihm betreute wissenschaftliche Nachwuchs hat konsequent Ermutigung, strukturelle Unterstützung und umfassendes Feedback erhalten.

Die DGfS wird Dieter Wunderlich ein ehrendes Andenken bewahren.

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