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Bedrohte Sprachen und Sprachentod

Sprachentod: Warum es uns nicht egal sein kann, wenn bedrohte Sprache sterben


Wie können Sprachen "sterben" – und was sollte daran schlimm sein?

In der öffentlichen Diskussion spielt der "Sprachtod" meist nur dann eine Rolle, wenn fälschlicherweise davon ausgegangen wird, dass die deutsche Sprache "aussterben" könnte. Hinter dieser sinnleeren Diskussion verschwindet häufig leider oft die Tatsache, dass andere Sprachen in unserer Zeit real gefährdet sind – in einem Ausmaße, das es in der Geschichte der Menschheit vermutlich noch nie gegeben hat: Wenn Eltern ihre eigene Muttersprache nicht mehr im Umgang mit ihren Kindern verwenden, verschwindet diese Sprache spätestens in der Generation der Enkel. Betroffen sind von dieser Entwicklung natürlich zuallererst die Sprecher der betroffenen Sprachen. Aber warum ist das auch für uns, deren Sprache nicht in diesem Sinne bedroht ist, relevant?

  • Die Sprachen der Welt sind bisher nur sehr ungenügend wissenschaftlich erschlossen. Nur lebendige Sprachen aber produzieren die empirischen Daten, die es der Linguistik gestatten, Aussagen über die menschliche Sprachfähigkeit zu treffen, kognitive Verarbeitungsprozesse der Sprache offenzulegen und die kommunikativen Verwendungen von Sprachen miteinander zu vergleichen. Verschwinden also Sprachen auf der Welt, so verschwinden damit auch einige unserer Möglichkeiten, etwas über den Menschen zu erfahren.

  • Das Gedächtnis der Menschheit ist ebenfalls in großen Teilen sprachlich kodiert: Durch die Analyse ihrer Keilschrift können wir uns der Geschichter der Sumerer nähern, in Hieroglyphen die Kultur des alten Ägyptens zu verstehen versuchen. Die meisten heute bedrohten Sprachen sind jedoch nicht schriftlich überliefert, sodass mit dem Verschwinden einer Sprache auch ihr kulturelles Gedächtnis verlorengeht – für immer.

  • Aus ihrem Kontext gerissen verkommen Tanzaufführungen zur touristischen Kommerzveranstaltung und Musikstile zum Kitsch auf CD. Wenn auf der Welt Sprachen verloren gehen, gehen in gleicher Weise kulturelle Praktiken verloren, oder verlieren ihren eigentlichen Sinn. Auch sprachliche Kulturgüter erschließen sich oft nur in vollem Umfang, wenn (oder: solange) sie im sprachlichen Kontext verstanden werden können: Nicht jeder Witz lässt sich gelungen ins Englische übersetzen, und so manches alte Volkslied mag in der chinesischen Übersetzung viel von seinem Reiz einbüßen!

  • Sprachen und Dialekte verschwinden nur in den seltensten Fällen deshalb, weil ihre Sprecher sich frei entscheiden, sie nicht mehr zu sprechen. Bevölkerungsgruppen, die eine Minderheitensprache sprechen, sind oft Repressionen ausgesetzt sind und werden an der Ausübung ihrer Kultur und der Verwendung ihrer Sprache gehindert. Wenn zur Teilhabe an der Gesellschaft die eigene Muttersprache nicht mehr eingesetzt werden kann, so wird Menschen der Zugang zu dieser Gesellschaft verwehrt – eine sprachliche Form von Apartheid!

  • Sprachen werden auch unter scheinbar weniger dramatischen Umständen verdrängt: So ist die weitverbreitete – aber falsche – Meinung, dass Menschen nur eine Sprache lernen könnten, die Ursache dafür, dass vielen Kindern die Chance verwehrt bleibt, zweisprachig aufwachsen zu können. Die Sprachen, die hier auf der Strecke bleiben, sind zumeist die mit dem niedrigeren sozio-ökonomischen Prestige.

Wenn Sprachen sang- und klanglos verschwinden, so verlieren wir nicht nur einige ulkige grammatische Ausdrucksweisen oder ein paar fremdartige Wörter – sondern den Zugang zu Kulturen, Vorstellungswelten, Menschen. Sie können dazu beitragen, dieser Entwicklung entgegenzuwirken! Sprechen Sie uns an:

Gesellschaft für bedrohte Sprachen, e.V.

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