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CSU-Vorschlag: Deutsch verpflichtend für Ausländer?

Warum Vorschriften keine sprachlichen Probleme lösen


In einer aktuellen Kampagne fordert die CSU, dass Deutsch von Menschen mit Migrationshintergrund auch in privaten Kontexten verwendet werden müsse:  Zuwanderer sollten, einem ersten Entwurf nach, "dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen." Aus sprachwissenschaftlicher Sicht scheinen dieser Forderung Annahmen zugrunde zu liegen, die längst als unsinnig erkannt worden sind:

  • Der Erwerb einer zweiten Sprache ist nicht dadurch sicherzustellen, dass die Sprache – nach dem Motto "viel hilft viel" – lediglich häufiger verwendet wird: Sprachen werden nicht per Konditionierung gelernt! 
  • Sprachwissenschaftliche Untersuchungen belegen stattdessen immer wieder eine auch allgemein bekannte Beobachtung: Kinder sind in der Lage, Sprachen mühelos und vollständig zu erwerben. Dies gelingt Erwachsenen jedoch kaum noch – und zwar auch dann nicht besser, wenn die Verwendung der zweiten Sprache forciert wird.
  • Kinder hingegen bekommen aber auch dann keine prinzipiellen Probleme mit dem Deutschen, wenn die Eltern kein oder nur wenig Deutsch mit ihnen reden: Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass Kinder ihre Kenntnisse in der Umgebungssprache ohnehin stärker daran orientieren, wie z.B. andere Kinder im Kindergarten oder in der Schule sprechen – nicht immer zur Freude der Eltern!
  • Eine Überforderung von Kindern durch den gleichzeitigen Erwerb mehrerer Sprachen kann übrigens nirgends nachgewiesen werden. Kinder können also sehr wohl in ihrer Familie eine Sprache sprechen und im schulischen Kontext eine andere – wie etwa Bairisch in privaten, und Hochdeutsch in formelleren Kontexten.

Es gibt demnach keine guten Gründe, der deutschen Sprache eine privilegiertere Stellung einzuräumen, als sie bereits hat. Die Nachteile einer solchen Maßgabe sind jedoch klar:

  • Die Sprache seiner Eltern kann das Kind in Deutschland nicht in seiner Umgebung erwerben. Wenn Eltern also die eigene Sprache nicht mit ihren Kindern sprechen, wird dem Kind die Möglichkeit zum bilingualen Spracherwerb genommen – und damit ohne jede Not eine große Bandbreite sprachlicher Lebenschancen.
  • Fraglich ist zudem, in wie weit Kindern der Umgang mit dem Deutschen näher gebracht wird, wenn die Eltern diese Sprache zwar verwenden – sie aber selbst gar nicht vollständig beherrschen.
  • Die (auch implizite) Herabwürdigung der Sprachen und Traditionen ausländischer Schüler kann zu problematischen Schulkarrieren führen: Die institutionalisierte Konfrontation von schulischen und familiären Werten führt zu stetigen Reibungen, die Kinder aus nicht-deutschen Familien gegenüber ihren deutschen Mitschülerinnen und Mitschülern benachteiligen. 

Die aktuellen Debatten sollten daher dringend auch auf ihre sprachlichen und schulischen Konsequenzen hin hinterfragt werden. Diskussionen in dieser Sache können aber nicht fundiert geführt werden, wenn die sprachwissenschaftlichen Grundlagen ignoriert werden. Nötig sind keine Sprachverbote – sondern ernstgemeinte und wirksame Angebote, die deutsche Sprache auch solchen Menschen in Deutschland nahezubringen, die sie bisher nicht erlernen konnten. 


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