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Linguistin im Fokus

Renata Szczepaniak


Renata Szczepaniak hat den Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg inne. Zuvor lehrte sie von 2009-2017 als Professorin für Linguistik des Deutschen mit dem Schwerpunkt Historische Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg. Sie promovierte an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz zum phonologisch-typologischen Wandel des Deutschen von einer Silben- zu einer Wortsprache.  2006 war sie auch am Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim im Projekt "Grammatik des Deutschen im europäischen Vergleich" als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt, bis ich im Oktober 2006 die Juniorprofessur für historische Sprachwissenschaft des Deutschen an der Uni Mainz übernommen hatte. In ihrer Forschung widmet sie sich v.a. der Grammatikalisierung, der historischen Graphematik und den sprachlichen Zweifelsfällen.

 

Wie bist du zur Linguistik gekommen?

 Ich hatte schon immer ein Herz für Sprachen und wollte möglichst viele von ihnen verstehen und erleben. Dazu reise ich auch sehr gerne. Beide Hobbies ließen sich gut verbinden. Mein großes Glück war, dass ich in meinem Studium über großartige Themen mit sehr charismatischen Vollblutlinguist:innen diskutieren konnte. Dann war das Feuer entfacht und ich durfte meinen Interessen nachgehen.

 

Welche drei Werke (Buch, Aufsatz etc.) haben dich in der Laufbahn/Denkweise etc. am meisten beeinflusst?

Es gab viele! Gerade habe ich den Eindruck, dass es das Paper von Peter Auer war „Is a Rhythm-based Typology Possible?“ (KontRI Arbeitspapier 21, Universität Konstanz 1993). Sowohl dieses Paper als auch „Prosodic Phonology“ von Marina Nespor und Irene Vogel (1986) waren ganz entscheidend für die Wahl meines Promotionsthemas. Ähnlich wichtig war für mich auch „Grammaticalization“ von Paul J. Hopper und Elizabeth Closs Traugott.

 

Was sind die Themen, Fragestellungen, zu denen du grade arbeitest?

Gerade arbeite ich sehr viel im Bereich der historischen Graphematik. Dies ist ein sehr abwechslungsreicher Bereich, so dass es mir nicht langweilig werden kann. Nach einigen Studien zur Entwicklung der satzinternen Großschreibung im Deutschen, die wir im Projekt auf Basis der sog. Hexenverhörprotokolle durchgeführt haben, ist nun die Zeit reif, diesem Phänomen aus historisch-kontrastiven Perspektive nachzugehen. Gemeinsam mit Stefan Hartmann, Jessica Nowak und Lisa Dücker fragen wir uns gerade, wie die nicht gering auftretende satzinterne Großschreibung im Englischen und Niederländischen dann so sang- und klanglos unterging. Die Setzung der satzinternen Großschreibung ist ein sprachhistorisches Feld, in dem man sich nicht nur über den Einfluss semantischer Faktoren wie Belebtheit, sondern auch soziopragmatischer wie Geschlechterstereotype und vieles mehr Gedanken machen kann.

Nach wie vor fasziniert mich auch der Bereich der grammatischen Zweifelsfälle. Zum einen interessiert mich natürlich die Frage, auf welche Weise Variationsphänomene zu Zweifelsfällen werden, d.h. welche Rolle spielen metapragmatische Urteile. Zum anderen liegt es mir sehr am Herzen, diese Problematik in die Lehrer/innen/bildung zu integrieren und die Sprachbewusstheit dafür zu schaffen, dass sprachliche Zweifelsfälle auf Ideologien und Urteilen basieren.

 

Was hältst du für wichtige, aktuelle Entwicklungen in der Linguistik?

Auf jeden Fall die Korpuslinguistik. Sie hat der historischen Sprachwissenschaft neue Untersuchungsmethoden an die Hand gegeben. Wir können jetzt viele Hypothesen überprüfen, die seit Langem bestehen. Wir können aber auch neue, komplexe Hypothesen aufstellen. Die historische Sprachforschung blüht auf.

 

Wo siehst du die Linguistik in 20 Jahren?

Die Linguistik wird in 20 Jahren sicherlich noch mehr Transfer leisten und ihre gesellschaftliche Aufgabe noch intensiver ausfüllen.

 

Wenn du zu einem Gebiet der Linguistik etwas arbeiten müsstest, zu dem bisher noch nichts gemacht hast, was wäre es?

Kleinsprachen in kleinen unzugänglichen Communities. Nur darf es dort nicht zu heiß sein…

 

Wenn du eine andere Wissenschaft wählen müsstest, in der du jetzt arbeitest. Was wäre es?

Mathematik. Das sollte ich eigentlich studieren. Doch dann habe ich mich doch für die Sprachen entschieden.

 

Über welche Persönlichkeit der Linguistik würdest du gerne einen Spielfilm sehen?

Ich würde mich eher über ein Theaterstück freuen. Das müssten aber wohl zwei Theaterstücke sein oder man würde es der Zeit entheben und Hildegard von Bingen und Notker den Deutschen gemeinsam auftreten lassen. Hildegard von Bingen würde aber auch musizieren und die Grundlagen ihrer erfundenen Sprache besprechen. Notker würde dann einige Fragen zur Grammatikalisierung des Definitartikels beantworten.

 

Zu welchem linguistischen Thema sollte es mehr Dokus geben?

 Gebärdensprache und Mehrsprachigkeit wären sicherlich gute Themen. Ich könnte mir bspw. eine Reihe vorstellen –  vielleicht gibt es sie aber schon? –, in der verschiedene mehrsprachige Communities vorgestellt werden. Die Reihe zur Gebärdensprache würden sicherlich viele gerne sehen.

  

 

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