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Linguist im Fokus

Ingo Feldhausen


Ingo Feldhausen ist Professor für Linguistik und Sprachdidaktik an der Université de Lorraine in Nancy (Frankreich). Im Jahr 2015 habilitierte er sich für Romanistik an der Goethe-Universität Frankfurt zum Thema experimentelle und theoretische Studien zur individuellen und dialektalen Variation in der Intonation. Als Post-Doc war er u.a. in Hamburg und Paris (Sorbonne Nouvelle & Paris Diderot) tätig und er hat durch seine zahlreichen Kooperationen und seine Forschungsaufenthalte in Argentinien und Katalonien/Spanien Kontakte in der ganzen Welt. Im Jahr 2008 promovierte er zur Syntax-Phonologie-Schnittstelle an der Universität Potsdam und war zudem als wiss. Mitarbeiter am Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS, Berlin) tätig. Seine Forschungsthemen umfassen neben den oben genannten Schwerpunkten auch Mehrsprachigkeit, Methodenforschung und die Schnittstelle zwischen Grammatik und Fremdspracherwerb. Als Experte in Hochschuldidaktik hat er im Jahr 2019 den 1822-Universitätspreis für exzellente Lehre der GU Frankfurt gewonnen. 

 

Wie bist du zur Linguistik gekommen?

 

Durch Friedemann Schulz von Thun – allerdings nicht durch ihn persönlich, sondern durch sein bekanntes Kommunikationsmodell. Während meiner Schulzeit hätte man nicht denken können, dass ich mich einmal professionell mit Sprache und ihrer Struktur auseinandersetze und Deutsch war eher ein Horrorfach für mich. Aber dann haben wir in der 13. Klasse das „Vier-Ohren-Modell“ von F. Schulz von Thun durchgenommen und auf einmal war ich ein Einserkandidat in Deutsch. Der analytische Blick auf Sprache und ihre Erfassung basierend auf einem konkreten Ansatz lagen mir. Mit meiner Entscheidung, Allgemeine Sprachwissenschaft, Germanistik und Psychologie zu studieren, hatte ich dennoch erst einmal alle überrascht. Aber ich spürte, dass es mein Weg ist. Und relativ schnell merkte ich, dass mir die romanischen Sprachen am Herzen lagen. Seitdem bin ich in der (romanistischen) Linguistik.

 

Welche drei Werke (Buch, Aufsatz etc.) haben dich in der Laufbahn/Denkweise etc. am meisten beeinflusst?

 

Während meiner Studienzeit war es zum einen die Einführung von Grewendorf, Hamm & Sternefeld „Sprachliches Wissen“, durch die mir schnell klar wurde, dass mein Linguistik-Studium zwar nicht viel mit der Herangehensweise von Schulz von Thun zu tun haben wird, aber richtig interessant werden würde. Zum anderen war es das Einführungswerk in die Optimalitätstheorie (OT) von Archangeli & Langendoen. Ich mochte die Theorie von Anfang an, weil ihre Grundidee so schnell greifbar ist. Später, als ich dann an der Schnittstelle zwischen Syntax und Phonologie arbeitete, merkte ich den großen Nutzen dieses Ansatzes: Die Verknüpfung verschiedener Module gelingt ohne Weiteres. Im Anschluss ist die dritte wegweisende Arbeit zu nennen: Boersma & Hayes Stochastische OT (bzw. der Artikel heißt „Empirical tests of the Gradual Learning Algorithm“). Dank meiner Doktormutter, Caroline Féry, bin ich auf die Arbeit gestoßen. Hierdurch hatte ich nicht nur die Möglichkeit, die in meinen Untersuchungen attestierte inter- und intraindividuelle Variation zu modellieren, sondern ich sah, dass es formale Ansätze gab, die Optionalität als Teil der linguistischen Kompetenz akzeptierten. 

 

Was sind die Themen, Fragestellungen, zu denen du grade arbeitest?

 

Eine der großen Fragestellungen, die hinter verschiedenen meiner Arbeiten steht, ist die folgende: Wie verfährt man mit Variation und Optionalität in generativen Ansätzen zur Modellierung linguistischer Kompetenz? Hierzu habe ich vor allem aus prosodischer Sicht gearbeitet und u.a. eine Modifizierung der Stochastischen Optimalitätstheorie vorgeschlagen, die idiosynkratische Variation als Teil der sprachlichen Kompetenz abbilden kann.

Zudem finde ich die Fragen, wie reliabel Akzeptabilitätsurteile sind und ob es dabei Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachen gibt, hochinteressant. Diesen Fragen nähere ich mich aktuell mit meinen Arbeiten zum französischen Subjunktiv an, wo ich gemeinsam mit einem Kollegen versuche, Satzurteile, die introspektiv gewonnen wurden, anhand einer formalen Methode zu überprüfen.

Mein aktuell drittes großes Thema umfasst die Schnittstelle zwischen Linguistik und Fremdsprachendidaktik mit dem Schwerpunkt auf der Frage, welchen Nutzen letztere Disziplin aus ersterer ziehen kann. Anhand verschiedener sprachlicher Phänomene (wie Subjunktiv oder Intonation) versuche ich zu erörtern, inwieweit die in Lehrwerken durchgeführte didaktische Reduktion sinnvoll ist und wo sich aus linguistischer Perspektive Verbesserungsansätze vorschlagen lassen.

 

Was hältst du für wichtige, aktuelle Entwicklungen in der Linguistik?

 

Eine der wichtigsten, aktuellen Entwicklungen ist für mich die intensive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten der Mehrsprachigkeit. Die zahlreichen Arbeiten zu dem Thema haben das Potential den Standard der Einsprachigkeit aufzubrechen und zwingen unsere Community bereits jetzt schon dazu, sich kritisch mit dem Ideal einer monolingualen Person auseinanderzusetzen. Schaut man sich auf der Welt um, so ist Monolingualität und somit die monolinguale Sprachkompetenz ganz klar eine Ausnahme. Allerdings ist sie weiterhin fast durchgehend der gängige Standard zur Qualitätsbeurteilungen von linguistischen Arbeiten. Wenn wir aber die Sprachkompetenz an sich erklären wollen, so müssen wir die Mehrsprachigkeit in unsere Überlegungen integrieren.

Die zweite für mich bedeutende Entwicklung in der Linguistik betrifft das intensive Streben nach qualitativ hochwertigen und fairen Open-Access-Publikationen und ist somit weniger inhaltlicher Natur. Mit Verlagen wie Language Science Press oder Zeitschriften wie Biolinguistics, Glossa, Journal of Portuguese Linguistics, Laboratory Phonology oder Isogloss gehört die Linguistik zu einer der wichtigsten Disziplinen in dem Vorhaben, die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit frei verfügbar zu machen. Das Stichwort „fair“ soll hierbei noch einmal hervorgehoben werden. Für eine Veröffentlichung (und manchmal sogar auch nur für eine Begutachtung) 4.000€ oder mehr zu zahlen, sehe ich beispielsweise nicht als fair an.

 

Wo siehst du die Linguistik in 20 Jahren?

 

Zum einen vermute ich, dass der oben erwähnte Einfluss der Mehrsprachigkeitsforschung das vorherrschende Paradigma der Monolingualität wenn nicht obsolet, so doch stark aufgeweicht haben wird. Zum anderen gehe ich davon aus, dass das – zumindest in generativen Ansätzen – vorherrschende Paradigma, das eine gegebene sprachliche Sequenz entweder grammatisch oder überhaupt nicht möglich ist, noch stärker ins Wanken geraten sein wird. Ich denke, dass die Frage nach der Rolle der Optionalität, der freien Variation und der Gradienz eine immer größere Wichtigkeit in der linguistischen Modellierung erfährt. Das Thema ist zwar nicht neu – erst im Dezember 2020 erschien beispielsweise in der Zeitschrift für Sprachwissenschaft ein Sonderheft mit diversen Arbeiten zu diesen Fragen –, aber ich denke, dass die Rolle dieser Aspekte durch das Aufbrechen des monolingualen Paradigmas positiv beeinflusst wird.

Ich würde mich auch darüber freuen, wenn wir Linguisten es schaffen würden, den Wert unserer Arbeit der Gesellschaft zugänglicher zu machen. Wir sind die Experten für Sprache, aber wir werden zumeist nicht als solche wahrgenommen. Dass aber Bedarf nach Wissen über Sprache existiert, hat beispielsweise Bastian Sick mit seinen Bestsellern gezeigt. Die Frage ist, wieso kein/e Linguist*in vorher auf die Idee kam. 

 

Wenn du zu einem Gebiet der Linguistik etwas arbeiten müsstest, zu dem bisher noch nichts gemacht hast, was wäre es?

 

Ich würde sehr gerne zu lokalen Varietäten des Rheinischen Fächers arbeiten. Bei mir zuhause steht ein Buch von 1938 über die „Velberter Mundart“. Velbert ist ein Ort zwischen Essen und Wuppertal. Es ist sehr beeindruckend, wie wirr die Isoglossen in dem Gebiet verteilt sind und welche Vielfalt an Varietäten es dort gibt. Gleichzeitig wird auch deutlich, wie viele der lokalen Varietäten vom Aussterben bedroht sind. Nehmen wir hier das Velberter Platt: Die älteste Generation, wenn sie nicht schon gestorben ist, kann die Varietät noch sprechen. Die Generation um 70 versteht die Varietät zumeist noch. Aber schon die 40-50-Jährigen heutzutage können Velberter Platt weder sprechen noch verstehen. Ich frage mich, ob die heutigen Schulkinder überhaupt noch wissen, dass es dort eine lokale Varietät gab und ihre (Urur-)Großeltern noch anders gesprochen haben. Mir würde es gefallen, eine aktuelle Bestandsaufnahme (auch in prosodischer Hinsicht) des Velberter Platt zu machen.

 

Wenn du eine andere Wissenschaft wählen müsstest, in der du jetzt arbeitest. Was wäre es?

 

Wäre ich kein Linguist, wäre ich gerne Evolutionsbiologe. Wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat und weiterentwickelt, finde ich weiterhin höchst interessant. Zum Abitur habe ich auch Bücher über Genetik gelesen. Aber Versuche an Tieren haben mich dann doch vom Biologie-Studium abgehalten.

 

Über welche*n Linguist*in würdest du gerne einen Spielfilm sehen?

 

Hier kommen mir sofort Filme wie „Arrival“ oder auch „The linguists“ in den Kopf. Sehr schöne Frage. Mich würden Thriller à Dan Brown interessieren, wo Linguist*innen eine zentrale Rolle spielen. Für den ersten Film könnte der Aufhänger ein Buch sein, welches von einer Person mit einem gefährlichen Geheimnis verfasst wurde. Auf das Geheimnis kann man allerdings erst durch eine Übersetzung des Buches in eine andere Sprache stoßen. Durch die Translation treten strukturelle Unterschiede zwischen den Sprachen zum Vorschein, die der/dem Linguistin*en den entscheidenden Hinweis geben. Bemerkt wird dies aber erst durch das schrittweise Verschwinden von Linguist*innen, die zu den relevanten sprachlichen Strukturen arbeiten. Einer smarten Linguistin, nennen wir sie Fernandine de Saussure, fällt das auf und sie begibt sich auf Ursachensuche.

 

Zu welchem linguistischen Thema sollte es mehr Dokus geben?

 

Mich würde beispielsweise eine Dokumentation über Monika Schmids Thema der Doktorarbeit interessieren: Sprachattrition bei deutsch-jüdischen Flüchtlingen in England und den USA. Die sprachwissenschaftliche Perspektive könnte hierbei mit geschichtlichen, psychologischen und soziologischen Aspekten über den Hintergrund der Flucht und das neue Leben im Ausland verknüpft werden.

Festzuhalten ist, dass es viel zu wenig Filme bzw. Dokumentationen mit Linguist*innen bzw. linguistischen Themen gibt. Will die DGfS nicht in die Filmförderung einsteigen? So könnten wir auch den oben angesprochenen Wert unserer Arbeit der Gesellschaft zugänglicher machen.

 

Nenne einen Aspekt, der Dich bei einer Konferenz überrascht oder beeindruckt hat.

 

Im Jahr 2011 habe ich an dem 17. International Congress of Phonetic Sciences (ICPhS) in Hongkong teilgenommen. Die einzelnen Tagungen der ICPhS-Konferenzreihe sind riesig und umfassen stets mehrere hundert Vorträge und zudem mehrere hundert Posterbeiträge. Allein der Tagungsband von 2011 umfasst mehr als 2300 Seiten, wobei die einzelnen Beiträge typischerweise nur 4 Seiten lang sind.

Von üblichen Konferenzen wissen wir, wie schwierig die Einhaltung der Zeitvorgaben ist. Mal reden die Vortragenden länger, mal reden die Fragenden in der Diskussionsrunde unbeirrt weiter, mal entgleitet der/dem AG-Leiter*in der Zeitüberblick. Auf der Konferenz in Hongkong war das anders. Die unendlichen vielen AGs waren auf verschiedene Räume im dortigen Kongresscenter verteilt und es ertönte regelmäßig ein Gong: zu Beginn der Vorträge, zum Ende der Vortragszeit und zum Ende der Diskussionszeit. Zudem wurden gemeinsam mit dem letzten Gong auch die Türen der Räume vom Ordnungspersonal (!) aufgerissen, so dass klar war: Jetzt ist der Slot offiziell beendet.

Wir Teilnehmer*innen waren alle etwas irritiert und ich glaube, bei einigen hielt die Irritation bis zum Ende der fünftägigen Konferenz an. Allerdings waren wir überaus pünktlich und es gab kein Problem, zwischen den AGs zu wechseln.

 

 

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